Diesen Menschen begegne ich seit vielen Jahren. Nicht nur einmal, sondern drei- oder viermal im Jahr. Natürlich heißt er nicht wirklich Mr. Charles. Dieser Name steht für Menschen, die mit einem komplizierten Schmerzbild zu mir kommen.
Von außen wirkt Mr. Charles gesund. Auch die Befunde erklären seine Beschwerden nicht ausreichend. Vielleicht sieht man Spannungszustände, aber nichts, das zu diesen entsetzlichen Schmerzen passen würde.
Und trotzdem steht da ein Mensch vor mir, der kaum noch weiß, wie er das aushalten soll.
Er war bei Ärzten, hat Untersuchungen hinter sich und starke Medikamente ausprobiert. Manchmal ist die Verzweiflung so groß, dass sogar darüber gesprochen wird, einen Nerv zu kappen. Nicht weil man eine klare Ursache gefunden hätte, sondern weil der Schmerz endlich aufhören soll.
Genau an diesem Punkt werde ich zu Mr. Charles.
Warum ich diese Rolle Mr. Charles nenne
Ich nenne diese Rolle so wie bei Inception. Dort schlüpft Cobb in die Rolle von Mr. Charles, um mit einem Menschen in Kontakt zu treten und herauszufinden, was wirklich vor sich geht.
Natürlich betreibe ich keine Traumreise und keine esoterische Horrorgeschichte.
Ich packe an.
Für mich beginnt die Wahrheit dort, wo ich den Körper berühre. Ich gehe systematisch durch den ganzen Körper und frage mich:
Wo hält er fest?
Wo weicht er aus?
Wo reagiert er anders, als es der Befund erwarten lassen würde?
Der Schmerz sitzt nicht immer dort, wo man zuerst suchen würde. Manchmal finde ich sehr lokale, unangenehme Spannungsbereiche. Stellen, an die viele nicht denken. Genau dort kann mir der Körper viel erzählen.
Und dann kommt oft dieser Satz:
„Eigentlich geht es mir gut.“
Das Privatleben ist okay. Der Beruf ist okay. Zumindest jetzt ist nichts Dramatisches passiert.
Aber ich denke dann oft: Das steckt nicht erst seit gestern in dir. Das trägt dein Körper vielleicht seit Jahrzehnten.
Und jetzt kommt es heraus.
Der Körper vergisst nicht alles
Ich sage oft: Die Muskulatur hat einen Speicher, ein Gedächtnis.
Fachlich genauer gesagt lernen Körper und Nervensystem über viele Jahre bestimmte Spannungs-, Bewegungs- und Schutzmuster. Wer körperlich oder psychisch immer wieder unter Druck steht, kann sich daran gewöhnen, festzuhalten.
In einer neuen Stressphase, nach einer Erkrankung, bei Schlafmangel oder in einer schwierigen Lebenssituation kann dieses alte Muster plötzlich mit voller Kraft hervortreten.
Dann ist der Schmerz nicht eingebildet.
Er ist real.
Auch wenn kein einzelner Befund seine Stärke ausreichend erklärt.
Chronischer Schmerz lässt sich deshalb nicht immer nur auf eine beschädigte Struktur reduzieren. Körperliche, psychische und soziale Faktoren können zusammenwirken.
Ich kenne diese Hölle selbst
Ich weiß, was Schmerz mit einem Menschen machen kann.
Ich habe fünf Jahre meines Lebens verloren, in denen ich durch verschiedene Höllen gegangen bin. Vielleicht bin ich genau deshalb heute so ein guter Therapeut. Ich weiß, wie sich die Verzweiflung anfühlt, wenn du glaubst, dieser Zustand hört nie wieder auf.
In solchen Phasen brauchst du Ehrlichkeit und Empathie.
Du brauchst Menschen, die dir nicht erzählen, dass alles ganz einfach ist. Aber du brauchst auch Menschen, die dich ermutigen und sagen:
Mach weiter. Lass dich jetzt nicht fallen. Das, was sich gerade entlädt, muss nicht für immer so bleiben.
Mein Teil ist die körperliche Arbeit. Ich suche Spannungsmuster, behandle Gewebe und versuche, das System zu entlasten. Gleichzeitig motiviere ich, weil ich weiß, wie wichtig Hoffnung in einer chronischen Schmerzphase ist.
Ich empfehle aber auch klar, sich psychologisch oder – wenn nötig – psychiatrisch begleiten zu lassen. Nicht weil der Schmerz „nur psychisch“ wäre.
Sondern weil chronischer Schmerz den ganzen Menschen angreift.
Körper und Psyche sind keine Gegner
Warum hält der Körper fest?
Darauf gibt es nicht immer eine einfache Antwort. Abnutzungen, Verletzungen, Operationen oder chronische Überlastungen können beteiligt sein. Gleichzeitig können jahrzehntelange Druck- und Stressmuster das Schmerzsystem beeinflussen.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Es sind verschiedene Seiten derselben Medaille.
Darum bringt es nichts, wenn sich Körper und Psyche gegenseitig die Schuld zuschieben. Der Schmerz ist weder ausschließlich im Muskel noch ausschließlich im Kopf.
Bei chronischen Beschwerden braucht es oft mehrere Menschen: Arzt, Chirurg, Psychologe oder Psychiater, körperlich arbeitender Therapeut – und vor allem den Menschen selbst.
Kann eine Operation alles retten?
Manchmal ja.
Wenn es eine klare Ursache und eine nachvollziehbare Indikation gibt, kann ein Eingriff der richtige Weg sein.
Aber eine Operation verändert nicht automatisch alle Spannungs- und Schutzmuster, die über Jahre entstanden sind. Wird nur eine Struktur behandelt, während das restliche System gleich weiterarbeitet, können Beschwerden bleiben oder später wiederkommen.
Auch ein starkes Medikament ist nicht automatisch der passende Schlüssel.
Darum müssen wir einen Weg finden, der nicht nur den lautesten Schmerz für einen Moment ruhigstellt.
Wir müssen versuchen, die Schmerzkette zu durchbrechen und das System zu rebooten.
Die Spitze des Eisbergs
Wenn ich zu Mr. Charles werde und mit diesem Schmerz in Kontakt trete, verrät mir der Körper viel.
Er zeigt mir nicht immer eine einzige Ursache. Aber er zeigt mir, dass dieser Mensch vielleicht seit Jahrzehnten unter Spannung steht. Dass der aktuelle Schmerz nicht die ganze Geschichte ist, sondern die Spitze des Eisbergs.
Dann braucht es keine schnelle Erklärung und kein Versprechen, dass nach einer Behandlung alles vorbei ist.
Es braucht eine komplette und kompetente Begleitung.
Wir müssen den körperlichen Teil ernst nehmen, die psychische Belastung ernst nehmen, medizinisch abklären, was abzuklären ist, und den Menschen selbst einbeziehen.
Denn manchmal gibt es tausend mögliche Schlüssellöcher.
Und unsere gemeinsame Aufgabe ist es, den Schlüssel zu finden, der dieses festgehaltene System wieder öffnet.